Sagen und Legenden aus dem Landkreis Lüneburg


Im Landkreis Lüneburg ranken sich - wie fast überall auf der Welt - etliche Sagen und Legenden um Vampire, Raubritter, Hexen, Kultgegenstände und geheimnisvolle Orte. Über Jahrhunderte haben die Menschen Geschichten erzählt, weiter erzählt, weiter gesponnen und irgendwann aufgeschrieben.

Was heute als "uraltes Erzählgut" gilt, sind meist Wandersagen und fantasievolle Ausschmückungen kleiner Begebenheiten oder Zufällen. Jeder Weitererzähler passte die Geschichte seinen persönlichen Bedürfnissen und den Zeichen der Zeit an, um die Zuhörer zumindest zu beeindrucken, wenn nicht sogar ihren Glauben oder ihr Verhalten zu beeinflussen.

 

Die Landeszeitung Lüneburg veröffentlichte 2008 über viele Wochen samstags in ihrem "Magazin" die Serie "Sagenhaft". Die dort erzählten Geschichten habe ich gesammelt und hier zusammengefasst aufgeschrieben.


Der raffgierige Amtmann von Neuhaus

Der Amtmann Flemming von Neuhaus wurde 1750 von seinem König Georg II. angewiesen, das königliche Neuhäuser Schloss und die dazugehörigen Güter zu pflegen. Flemming war ein verschlagener alter Kauz - er dachte nicht daran seinem König Folge zu leisten. Stattdessen ließ  er das Schloss abbrechen. Er schickte seine Leute mit schweren Hämmern hinauf - Stein um Stein sollen sie abschlagen und auf Pferdefuhrwerken herunterbringen. So kamen täglich mehrere Fuhren königlicher Bauschutt vom Schloss und wurden zum Gut Blücher gebracht, welches seit Generationen im Familienbesitz des Amtmanns und recht verfallen war. 

Der königstreue Bürger, Hauswirt Funck aus Vockfey, beobachtete das verruchte Treiben des Amtmannes. Als Georg II. zum Jagen in die Göhrde kam, machte sich Funck auf den Weg auf die andere Seite der Elbe um dem König zu berichten. Dieser schäumte vor Wut, reiste am nächsten Tag zum Haus des Amtmanns und überzeugte sich von dessen Treuebruch. Flemming wurde  ausgepeitscht. Am nächsten Morgen erzählten sich die Marktweiber, Flemming sei in der Nacht vor lauter Gram gestorben. Das ganze Dorf war vor der Kirche versammelt, als der Sarg des Amtmanns zu Grabe getragen wurde. Sein treuester Gefolgsmann sprach: "In 100 Jahren soll Flemmings Sarg geöffnet werden". Das Geschehene geriet immer mehr in Vergessenheit, nur von einem geheimnisvollen unterirdischen Gang war immer wieder die Rede. Bis eine alte Bäuerin sich an die Geschichte erinnerte. Die Dorfältesten beschlossen, das Grab zu öffnen. Als sie den Deckel heben, staunten sie nicht schlecht, denn es befand sich kein Leichnam darin, sondern ein schwerer Stein und ein vergilbter Zettel, auf dem stand: "Ich bin nicht gestorben sondern auf und davon...Euer Flemming.


Das Wunder von Lüdersburg

Ein kleiner, kunstvoll verzierter Eichensarg stand seit Wochen aufgebahrt in der Mitte des Begräbnisgewölbes. Seit jenem regnerischen Frühlingstag, dem Todestag des kleinen Mädchens, legte sich ein dunkler Schatten über das Lüdersburger Gut. Die Gutsherrin wachte tagein, tagaus am Sarg ihrer Tochter. Die Eltern hatten alles versucht um das kranke Kind zu retten, doch weder Geld noch Macht konnten das Mädchen retten. Ein letztes Mal schüttelte der Husten den zarten Körper und der Doktor konnte nur noch den Tod feststellen. Seitdem erfüllte eine große Trauer das Gutshaus, die Mutter fühlte sich leer und einsam ohne ihre geliebte Tochter.

An einem Tag im Mai war ein Arbeiter-Mädchen mit seiner Mutter unterwegs zur Arbeit auf dem Feld. Die Sonne scheint ungewöhnlich heiß und die Mutter beschließt, ihr Kind in der Kühle der Kirche zu lassen. Am Abend, im Nebel der Dämmerung, öffnet die Mutter erschöpft die knarrende Kirchentür. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit in der Kirche gewöhnt hatten, erkennt sie in einem plötzlichen Lichtblitz zwei Mädchen, die auf dem Boden knien und sich an den Händen halten - ihre eigene Tochter und das Gutsmädchen! Schnell läuft sie zum Gutshaus und berichtet mit zittriger Stimme von dem Wunder. Die Gutsherrin ist überglücklich. Aus Dankbarkeit nimmt sie die Familie des Arbeiterkindes im Gutshaus auf und die beiden Mädchen wachsen gemeinsam auf und genießen die Privilegien der höheren Töchter.


Der Rabe von Raven

Ein Missionar mit einem neuen Glauben - dem Christentum - ist in's Dorf gekommen. Schnell versammelt er ein treues Gefolge um sich, welches Jesus Christus statt Wotan verehrt. Der heidnische Priester beobachtet das Geschehen misstrauisch. Immer seltener bitten die Menschen ihn um Rat. Lange hofft er, dass sie zu ihm zurückkehren. Er wartet lange - bis ihn die Nachricht erreicht, die Christen wollten ihrem Gott im Ort ein Heiligtum bauen. Der heidnische Priester entscheidet, die Götter um Hilfe zu bitten. Mit einem Kaninchen begibt er sich auf den Opferberg, wo sich dutzende Rabenvögel scharen, opfert das Tier und fleht um Offenbarung der Götter. Im Geschrei der Vögel empfängt der Priester die Botschaft Wotans: Er muss den Kirchenbau verhindern. Zu Hause grübelt er lange, wie er das wohl bewerkstelligen soll...bis sein Blick auf den Raben im goldenen Käfig fällt. Der Priester hat einen arglistigen Plan: Nach dem dritten Vollmond ruft er zur Volksversammlung auf den Opferberg. Dort soll sich entscheiden, wer fortan der Herr sein soll: Wotan oder Christus. Siegesgewiss richtet er den Blick auf seinen Raben und spricht: "Flieg hin, du heiliges Tier, und tue uns den Willen der Götter kund! Wo dein Fuß zuerst die Erde berühren wird, da mögen die Christen ihrem neuen Gott eine Kirche bauen!" Weit soll der Rabe fliegen, hofft der Priester, weiter, als das Auge reicht.

Lautlos erhebt sich der Vogel in die Lüfte, als plötzlich ein Lichtstrahl den Himmel erleuchtet. Das Gefieder des Raben beginnt zu leuchten und er lässt sich nieder. Keine zweihundert Schritte entfernt. Einen Moment lang herrscht Stille. Dann beginnen die Christen zu jubeln. "Unser Gott ist hier der Herr! Gebt unserem Gott die Ehre!" Schon am nächsten Tag beginnen die Christen mit dem Bau ihrer Kirche. Eben dort, wo der Rabe sich niederließ.

Ihren Ort rufen die Dorfbewohner fortan nur noch nach dem Sieg bringenden Wodansvogel - Raven, plattdeutsch für Rabe. Und wer die Geschichte nicht glauben will, der braucht sich nur das Ravener Wappen anzuschauen. Dort hat der Rabe bis heute seinen festen Platz.


Die weißen Mönche von St. Michaelis

In einer sternenklaren Nacht, während die alte Salzstadt schläft, liegt ein junges Mädchen schlaflos in seiner Kammer nahe dem Klosterhof im Bett. Als die Kirchturmuhr schlägt, fährt sie erschrocken auf und fürchtet sich vor etwas unbekannten. Mutig schleicht sie zum Fenster und schaut vorsichtig durch einen Vorhangspalt. Fast stockt ihr das Blut in den Adern, als sie hinunter zum Klosterhof blickt. Weiße Mönche schreiten dort unten in feierlicher Prozession im Licht ihrer Fackeln über den Klosterhof.

Das Mädchen rennt in Panik zur Kammer der älteren Schwester und beschreibt ihr atemlos, was sie sah. Die Schwester schaut ebenfalls zum Klosterhof hinab und erstarrt. Die Kleine hat die Wahrheit gesprochen. Angeführt vom Abt mit dem Krummstab in der Hand, finden sich ihre unmenschlich tiefen Stimmen zu einem Gesang. Bald klingt das Spiel der Orgel durch die dicken Mauern von St. Michael. Plötzlich erlischt das gespenstische Leuchten und der Gesang wird leiser, bis er ganz verstummt. Bis zum ersten Morgengrauen stehen die Mädchen am Fenster, dann laufen sie zum Vater. Dieser spricht: "Was kam euch in den Sinn?", fragt leise der Vater, "Durchträumet ihr vergessene Geschichten? Ihr last wohl von alter Mönche seltsamer Gebaren, die wiederkommen, ob sie etwas quält, noch jedesmal nach zweimal hundert Jahren?"

Doch schließlich gab er zu, daß auch er die Mönche gesehen hatte.


Der Bulle von Bardowick

Bardowick war einst eine reiche und mächtige Stadt mit stolzen Bürgern, die Herzog Heinrich dem Löwen nach dessen Verbannung ins Exil die Gefolgschaft verweigerten. Aus Rache belagerte Heinrich der Löwe mit seinen Söldnern 1189 die Stadt und versuchte sie zu stürmen. Aber die gewaltigen Stadtmauern halten Stand. Die Bardowicker verspotten ihren ehemaligen Regenten übelst, sie standen auf der Mauer und zeigten ihm die nackten Hintern. Tagelang dauerten die Angriffe - erfolglos. Auch der Angriff mit Booten über die Ilmenau wo die Mauern nicht so hoch waren, scheiterte kläglich.

Die Söldner lagerten in Zelten vor der Stadt bis eines Morgens ein Bulle ins Lager trottete. Die hungrigen Söldner machten Jagd auf ihn. Auf seiner Flucht rannte der Bulle in die Ilmenau und anstatt zu ertrinken watete er durch's hüfthohe Wasser bis zum anderen Ufer und in die Stadt hinein. Er hatte dem rachsüchtigen Herzog eine Furt gezeigt! Nun war es ein Leichtes in die Stadt zu gelangen und die Bardowicker zu unterwerfen. Die blühende Stadt wurde in einen Trümmerhaufen verwandelt. Nur der Dom blieb verschont. Vor der kleinen Kapelle an der Südseite ließ Herzog Heinrich einen steinernen Löwen errichten mit der Inschrift "Vestigium leonis", (die Spur des Löwen).

Die Bardowicker haben ihre ehemalige Position in der Region nicht wieder erreichen können, auch weil die Nachbarstadt Lüneburg durch die Saline bedeutender wurde und Heinrich der Löwe Lübeck die Rolle der Handelsmetropole zuordnete. Wenn man sich spottweise nach des Bullen Befinden erkundigt, so werden die Bardowicker evtl. etwas unwirsch.


Die Mondgöttin auf dem Kalkberg

Der römische Feldherr Julius Cäsar trachtete danach, die Grenzen seines Reiches zu erweitern. So machte er sich mit seinen Legionären auf vom Rhein nach Norden. In einer finsteren Nacht marschierte ein Heer von mehreren tausend Mann durch die Lüneburger Heide, allen voran Julius Cäsar auf seinem Pferd, als plötzlich die pechschwarze Wolkendecke aufriss und ein gleißendes Licht wie ein Fingerzeig der Götter auf einen riesigen strahlend weißen Felsen fiel. Cäsar erschauerte und war sicher, dass das ein Zeichen der Mondgöttin Luna ist. 

Er wies seine Männer an, das Heerlager am Fuße des Kalkberges aufzuschlagen. In den folgenden Mondnächten stieg er auf den Kalkberg in der Hoffnung, ein weiters Zeichen zu erhalten. Und tatsächlich: das Schauspiel wiederholte sich. Eindrucksvoller noch als beim ersten mal. Voller Ehrfurcht sank Cäsar auf die Knie und als er wieder aufschaute sah er durch die Baumwipfel die leuchtende Mondscheibe - kreisrund und von einer Silhouette umgeben, die aussah als wenn eine Frau den Mond mit den Armen umschließt. Daraufhin ließ er aus Italien weißen Marmor bringen und erbaute auf dem Kalkberg den Lunatempel mit einem goldenen Abbild der Göttin Luna auf einer Säule.


Das Wunder am Gungelsbrunnen

Lotte hat ihren vierjährigen Bruder mit einem Stock geärgert, dabei ist er unglücklich auf einen spitzten Stein gestürzt und hat sich am rechten Auge verletzt. Blut läuft heraus und der Doktor sagt, das Auge sei nicht zu retten. Seitdem lässt die sechsjährige Lotte Fritzchen nicht mehr aus den Augen, verteidigt ihn wie eine Löwin gegen die Hänseleien der anderen Kinder.

Ein Jahr nach dem Unfall gehen alle Kinder des Dorfes zum Badesee im nahen Wäldchen. Seit einiger Zeit begann das Linke Auge des Jungen zu tränen; inzwischen sieht für ihn alles ein bisschen neblig aus und der Nebel wird immer dichter. Am See kann er seine Schwester nur noch schemenhaft erkennen. Als wenige Stunden später der Doktor Fritzchens Auge untersucht, kann er nicht mehr helfen: "Auch dieses Auge wird erblinden."

Lottes Herz hört für einen Moment auf zu schlagen. Sie rennt schluchzend hinaus -bis in den tiefen Wald, wo sie vor Verzweiflung und Erschöpfung zusammenbricht. Als Lotte die Augen nach Stunden aufschlägt, steht vor ihr eine uralte Frau. "Mein Kind", sagt die Alte, "erzähl, was dich so bedrückt." Und Lotte erzählt.

Da lächelt die Alte und spricht: "Mein Kind, geh mit deinem Bruder zum Gungelsbrunnen. Brich auf, wenn die Nachtigall vor deinem Fenster singt, geh über die beiden Hügel, vorbei an dem dunklen Fichtenwald, durch das Dorf mit der großen Kirche. An der hohlen Eiche folge der Spur des Königskrauts. Wasche die Augen deines Bruders mit einigen Tropfen des Brunnenwassers und ich verspreche dir, mein Kind, er wird wieder gesund." 

An einem der nächsten Abende hört Lotte die Nachtigall und macht sich mit ihrem Bruder im Bollerwagen auf den Weg, den die alte Frau ihr beschrieb. Mühsam kommen sie voran und das letzte Stück trägt sie ihn huckepack. Sie benetzt erst das linke Auge mit Brunnenwasser und nach wenigen Augenblicken löst sich der Nebel in Fritzchens Auge auf. Auch das rechte Auge wird wieder klar nachdem sie das Wasser daraufgeträufelt hat. Der Junge kann wieder richtig sehen!


Hillersbüttel in Flammen

Zwei hungrige Wandergesellen, Godehard und Fridbert, hatten in Lüneburg ein Brot gestohlen und waren erwischt worden. Der Bäcker jagte sie bis vor die Tore der Stadt. Daraufhin wanderten sie zwei Tage durch die Gegend ohne zu essen oder zu trinken. Am dritten Tag erreichten sie das Dorf Hillersbüttel und klopften an die erstbeste Haustüre um ein Almosen zu erbetteln. Aber schroff wurden sie abgewiesen. Ein Haus nach dem anderen bescherte ihnen die gleiche Abfuhr.

Nachmittags saßen sie am Rande eines Rübenackers und begannen einige Rüben zu essen. Als das der Bauer sah, kam er mit etlichen Dorfbewohnern angelaufen. Sie beschimpften die Wanderer und schlugen sie mit Hozprügeln bis diese das Weite suchten. Im Weglaufen rief einer der beiden Burschen: "Für diese Tat soll die Strafe nicht ausbleiben!"

Einige Tage später brach ein Feuer aus in Hillersbüttel. Mehrere Häuser fielen in Schutt und Asche. Die Dorfbewohner begannen, ihre Häuser wieder aufzubauen, doch nach ein paar Wochen gab es erneut ein Feuer und die restlichen Häuser brannten auch ab. Völlig verarmt mussten die Hillersbütteler fortan durch die Gegend ziehen und sich ihr täglich Brot erbetteln.


Das verschollene Kind von Thomasburg

Seit nunmehr drei Tagen suchen die Gefolgsleute des Junkers Bülow nach dessen kleinem Sohn Johann. Auch im Dorf Thomasburg finden die Einwohner keine Ruhe und beteiligen sich an der Suche. Als der dritte Tag zu Ende geht und die Dämmerung schon weit fortgeschritten ist, beginnen die Leute zu flüstern, der Junge sei wohl tot oder vom Teufel geholt worden. Die Menschen gehen nach Hause, aber keiner zündet ein Feuer oder eine Kerze an. Einzig der Junker Bülow kniet beim Licht einer einzigen Kerze in seiner Burg vor dem Bild seiner verstorbenen Gemahlin und spricht zu Gott: "Herr, ich war nicht immer ein treuer Christ, doch ich bitte Dich, mir mein einziges Kind wiederzugeben. Zum Dank will ich Dir in diesem Ort ein Gotteshaus errichten."

Daraufhin fiel er in einen tiefen Schlaf, und als er des Morgens erwachte fühlte er sich voller Zuversicht. Er überzeugte sein Gefolge, sich noch einmal auf die Suche zu machen. Und dieses Mal waren sie erfolgreich - keine 500 Meter von der Burg fanden sie den Jungen schlafend unter einem großen Baum und trugen ihn nach Hause.

Noch am selben Tage begann der Burgherr mit dem Bau der Kirche.


Die Schlacht am Opferberg

Das Land der Winiler war zu klein geworden und ein Drittel der Bevölkerung musste aus der skandinavischen Heimat in die Fremde ziehen. Das Los bestimmte die Brüder Ibor und Ayo zu den Anführern. Ihre Mutter Gambara, eine schöne und kluge Frau, auf deren weisen Rat sie in Nöten ihr Vertrauen setzten, reiste mit ihnen. Lange waren sie unterwegs bis sie nahe der Elbe bei Schoringen ein schönes Stück Wald fanden und beschlossen sich hier anzusiedeln. Die hier lebenden Vandalen verlangten Tribut und Unterwerfung; andernfalls drohten sie mit Krieg. Ibor und Ayo berieten sich mit Gambara und wurden eins, dass es ehrenvoller sei, die Freiheit zu verfechten. Die Winiler waren zwar mutige und kräftige Männer, aber eben nur wenige.

Die Vandalen flehten zu Wodan um den Sieg über die Winiler. Der Gott antwortete: »Denen will ich den Sieg verleihen, die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe.« Gambara trat vor Freya, Wodans Gemahlin, und flehte um Sieg für die Winiler. Freya gab den Rat: Die Winilerfrauen sollten ihre Haare auflösen und um das Gesicht binden wie einen Bart und früh morgens mit ihren Männern zum Kampfplatz gehen. Sie taten wie empfohlen und als Wodan ausschaute bei Sonnenaufgang, rief er: »Was sind das für Langbärte?« Freya fügte hinzu: »Wem du Namen gabst, dem musst du auch den Sieg geben.«

Auf diese Art verlieh Wodan den Winilern den Sieg, und seit der Zeit nannten sich die Winiler Langbärte (Langobarden). Die beiden Brüder und alle nachfolgenden Langobarden-Fürsten wurden im Schieringer Forst unter mächtigen Steinen begraben, dem Barskamper Opferberg.


Der Schiffsfriedhof von Stixe

Ein schwer beladenes Schiff kämpft sich elbaufwärts. Räuberische Seefahrer sind auf dem Heimweg von einem besonders ertragreichen Beutezug. Wochenlang waren die unerschrockenen Männer auf den Weltmeeren unterwegs, hatten Hunger und Durst, Stürme und Flauten, Hitze und eisige Winde überstanden. Sie sind schon fast am Ziel, als das Schiff auf einer Sandbank in der Nähe von Stixe (Amt Neuhaus) aufsetzt. Alle Bemühungen scheitern und es bleibt nichts als abzuwarten, ob nicht ein Wunder geschehe. Doch mit dem Einbruch der Dunkelheit zieht ein Sturm herauf. Die Wellen schlagen bald über Bord und als die Kirchturmuhr Mitternacht schlägt, öffnet sich die Sandbank unter dem Schiff. Gleichzeitig erhebt sich im Westen ein gewaltiger Sandsturm und in wenigen Augenblicken begräbt die riesige Wanderdüne von Stixe das Goldschiff unter sich.

Von den Seeleuten ward nie mehr jemand gesehen; nur in dunklen Herbstnächten, sagt man, gehen ihre Geister um. Dann müht sich die schwere Totenkutsche durch den sandigen Waldboden. Beim zwölften Glockenschlag erhebt sich eine Gestalt in Kapitänskleidung von dem Wagen. Der Seemann und seine Leute entfliehen in finsteren Herbstnächten dem Totenreich unter der Stixer Wanderdüne - bis zum ersten Hahnenschrei.


Das versunkene Brautpaar von Nahrendorf

Emma, die junge Bäuerin, wirft einen letzten Blick in den Spiegel. Heute ist endlich ihr Hochzeitstag; wochenlang hat sie diesen Tag herbeigesehnt. Das Kleid, die Frisur, der Blumenschmuck, selbst das Sommerwetter - alles ist perfekt, so kann sie sich von "ihrem" Hans zum Altar führen lassen! Beschwingt geht sie über den Hof und übersieht das Käuzchen, dass sich im Baum niederlässt.

Drei Stunden später sind Emma und Hans vermählt, das üppige Hochzeitsmahl ist verzehrt, und die ersten Bierfässer sind geleert. Ein wenig träge vom üppigen Schmaus sitzt die junge Braut neben ihrem Bräutigam und träumt von der Hochzeitsnacht, als sie plötzlich wieder das Käuzchen im Baum sieht. "Hans", flüstert sie, "siehst du das Käuzchen? Ein Käuzchen am Hochzeitstag bringt Unglück." Doch Hans winkt lachend ab.

Bei Anbruch der Dämmerung bricht der Hochzeitszug auf - ein Wagen mit Emmas Mitgift bringt sie in ihr neues Leben - und die gesamte Hochzeitsgesellschaft folgt dem jungen Paar mit viel Getöse und bester Stimmung. Nur Emma ist ein wenig still, irgendetwas stimmt nicht mehr.

Als die Gesellschaft das Moor erreicht, zieht von Westen her ein Unwetter auf. Der Himmel verfinstert sich, Windböen zerren an den Baumwipfeln, und mit dem ersten Blitz lässt sich ein Käuzchen am Wegrand nieder. Emma drängt zur Eile, doch Hans winkt ab. Es folgen ohrenbetäubende Donnerschläge. Sie faltet ihre Hände zum Gebet, doch Hans bricht in schallendes Gelächter aus. "Hochzeit ist heut, mein Herz, zum Beten bleibt da keine Zeit!" Kaum hat Hans das letzte Wort gesprochen, zischt ein brennender Blitz herab. Emma bittet mit leisen Worten Gott um Hilfe. Zu spät. Die Erde tut sich auf und das Moor greift nach dem Hochzeitszug. Emma und Hans wurden nie wieder gesehen, eben sowenig wie ihr Hochzeitszug. Nur ein riesiger Feldstein ragt seit jenem Tag vor hunderten von Jahren aus dem dunklen Moorboden hervor. Davor wachsen Kornblumen - und an manchen Abenden, sagt man, lässt sich auf dem grauen Stein für einige Stunden ein Käuzchen nieder.


Der schiefe Turm von St. Johannis

Der junge Robert hatte von Kindesbeinen an davon geträumt, einmal ein bedeutendes Bauwerk zu errichten. Nach einer guten Ausbildung und viel Erfahrung wurde er ein weithin bekannter Baumeister. Das Schicksal meinte es gut mit ihm, denn 1402 verursachte ein Blitzschlag einen Brand im Turm der St. Johanniskirche in Lüneburg. Robert erhielt den spektakulären Auftrag, einen neuen Kirchturm zu bauen. Größer und schöner als alles Bekannte sollte er werden. Mit Feuereifer machte er sich an die Arbeit, schaffte beinahe Tag und Nacht und hatte nach nur zwei Jahren Bauzeit einen einzigartigen Kirchturm errichtet, der weithin als Vorbild für andere Bauten diente. Robert glaubte sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die Bewohner der Stadt beobachteten gebannt das Abtragen der Baugerüste und - mussten entsetzt feststellen, dass die Turmspitze schief war. Und zwar von allen Seiten.

Der Baumeister - getrieben von Verzweiflung und dem Bewusstsein des Versagens - rennt die vielen Treppen hinauf und fasst einen Entschluss. Er stürzt sich aus dem Fenster. Auf dem Weg nach unten sieht er sein bisheriges Leben an sich vorbeiziehen, auch den Moment der Erkenntnis und tiefe Scham überkommt ihn. Aber er schlägt nicht wie erwartet auf dem Pflaster auf sondern fällt in einen vorbeifahrenden Heuwagen und überlebt. Aus lauter Dankbarkeit geht er in den nahen "Sandkrug" und feiert das Wunder. Weit nach Mitternacht ist er so betrunken, dass er von der Bierbank fällt und sich das Genick bricht.


Die Lüneburger Salzsau

Vor mehr als 1000 Jahren, als die Wälder noch Lüneburg bedeckten, kam es dazu, dass Jäger einem Wildschwein folgten; die Spur führte sie durch eine Ilmenau-Niederung. Es dauerte nicht lange, bis sie es fanden und erlegten. Als sie das Tier zerlegten, stellten sie fest, dass das Fell voll mit kostbarem Salz war. Sie erinnerten sich daran, dass sie vor einiger Zeit schon beobachtet hatten, wie sich die Wildschweine im Sumpf gewälzt hatten. Also machten sie sich auf den Weg, die Suhle zu suchen. Schließlich fanden sie die Stelle, wo sich das Wildschwein gewälzt hatte. Es war ein salziger Tümpel - über einem Salzstock.

Durch diese Entdeckung wurde vor vielen Jahren die Saline gegründet. Die Stadt Lüneburg erreichte durch sie großen Wohlstand. Die Lüneburger Bürger werden das Wildschwein immer in Erinnerung behalten, das sie zu der Solequelle geführt hatte. Ein Schulterknochen wurde zur Ehrung in einem Glaskasten aufbewahrt. Man kann ihn heute noch in der Alten Kanzlei des Rathauses besichtigen. Das Salz tritt noch heute in Form einer 36 prozentigen Salzwasserquelle (Sole) zu Tage.


Der Klosteresel von Lüne

Es ist der 30. April 1372. Der Kloster-Knecht aus dem Kloster Lüne hat den Esel schwer beladen mit Säcken voller Weizen und Roggen und zerrt das störrische Tier mühsam Richtung Lüner Mühle. Dort muss er lange warten, bis der Müller sein Getreide mahlen kann. Der Knecht setzt sich in die Frühlingssonne und schläft bald ein. Ein beißender Geruch weckt ihn und er stellt erschrocken fest, dass der Esel samt Getreide verschwunden ist. Er schaut umher und entdeckt eine riesige Rauchwolke am Horizont in der Richtung, in der das Kloster steht.

Derweil müssen die Benediktinerinnen hilflos mit ansehen wie ihr Obdach samt Kapelle und Vorratslager in Schutt und Asche fällt. Demütig fallen sie auf die Knie und beten zu Gott bis sie auf der Ilmenauwiese den bepackten Esel grasen sehen. Sie sind fürs Erste vor dem Hungertod gerettet!

Später bauen sie das Kloster Lüne wieder auf - genau an der Stelle, wo der Esel stand.


Attilas Grab in der Oldendorfer Totenstadt

Im 5. Jahrhundert nach Chr. wollte Attila, der Hunnenkönig, mit seinen reitenden Heerscharen das alte Europa unterwerfen. In einer verheerenden Schlacht in der gallischen Ebene 451 n. Chr. scheiterte er an der Übermacht der inzwischen verbündeten Streitkräfte der Westgoten und der Römer. Er musste sich mit seinen übrig gebliebenen Gefolgsleuten zurückziehen. Einen letzten Blick zurück auf die jubelnden Gegner veranlasste ihn zu einem Schwur: Rache über den Tod hinaus.

Fortan richtete er seine Mannen gen Italien, wo er fürchterlich wütete.

453 zog er sich in die ungarische Tiefebene zurück und heiratete. Noch in der Hochzeitsnacht hustete er Blut und verstarb in den frühen Morgenstunden.

Um dem Racheschwur entgegenzuwirken, stahlen ein paar Germanen den Leichnam und schaffen ihn weit weg - bis in die Lüneburger Heide, wo er in der Oldendorfer Totenstadt tief in der Erde unter einem riesigen Findling begraben wurde. Der Grabstein weist seltsame Spuren auf: quer über das Antlitz des Felsen zieht sich eine "Unregelmäßigkeit", die wie eine Narbe aussieht. Man sagt, der Geist des Hunnenkönigs versuche den Fels zu sprengen um ins Diesseits zu gelangen.


Wikinger jagen Christen in den Tod

Der Wendenfürst Baruth regierte zum Ende des 9. Jhdt. im Raum Hamburg. Seine Frau hatte der Jungfrau Maria gelästert und zur Strafe ein krankes Kind bekommen. Baruth schwor Vergeltung und ließ alle Christen in der Region verfolgen und töten. Die Christen riefen Rom um Hilfe an, der Papst gewährte sie. Der starken päpstlichen Streitmacht gehörten viele Herzöge, Grafen und Bischöfe aus der Region an, sodass Baruth die Waffen streckte und die Wikinger aus dem Norden herbei rief.

Mit Drachenbooten gelangten diese über die Elbe und die Ilmenau ins sächsische Tiefland. Auf dem Weg dorthin hinterließen sie eine unglaubliche Blutspur. Schließlich errangen die Nordmänner den Sieg. Sie begruben die toten Christen in ungeweihter Erde. Das gefiel den Oberen der christlichen Kirche überhaupt nicht und sie bemühten sich um eine Umbettung ihrer Märtyrer. Erst viele Jahre später gestatteten die Wikinger, dass die Toten nach Rom geschafft würden. Also wurden die Überreste ausgegraben und auf Wagen geladen. Bei Ebstorf blieben die Wagen plötzlich stehen - Blut quoll heraus. Das wurde als ein Zeichen gedeutet - man begrub die Heiligen an Ort und Stelle. Später wurde - eingedenk ihres Märtyrertums - über ihren Grabstätten das Kloster Ebstorf errichtet.


Der "Robin Hood" der Lüneburger Heide

Schon seit Monaten streift der selbsternannte Wildschütz Hans Eiding durch die Wälder und erlegt Wildtiere um sie an die arme Landbevölkerung zu verteilen. Das ist der Obrigkeit, deren Privileg das Jagen ist, ein Dorn im Auge. Sie beauftragen einen gewissenlosen, versoffenen, geldgierigen Wilddieb, das Versteck des Hans Eiding zu suchen und bieten ihm zehn Taler, wenn er es ihnen verriete. Der Schurke sucht lange und findet schließlich das Lager - und verrät es. 

Am Abend darauf machen sich zwei Gendarmen auf in den Wald und überraschen Hans Eiding, der auf dem Weg von der schönen Marlene in sein Versteck ist. Sie nehmen ihn fest und führen ihn in ein altes Backhaus am Ortsrand von Oerzen. Zwei kräftige Burschen aus dem Dorf sollen ihn bewachen. Zu fortgeschrittener Stunde fragt Eiding: "Wie wär's mit einem Schnäpschen? Der Wirt hier schuldet mir noch eine Flasche, die braucht ihr nur zu holen." Ein Weile überlegen sie noch, aber schließlich macht sich einer auf den Weg.

Am nächsten Morgen kommen die Gendarmen und finden das Backhaus leer und die Bewacher völlig betrunken neben dem Haus liegend. Hans Eiding ist längst wieder im Wald. Er begegnet einer alten schwachen Frau, die ihm ihr Leid klagt: der Mann seit Monaten krank, kein Geld, die Kinder hungrig. Als sie am Abend heimkommt liegt vor ihrem Haus ein frisch erlegtes Reh - sie weiß sofort, wem sie diese Gabe zu verdanken hat.


Der Schrecken der Raubkammer

Moritz von Zahrenhusen war ein adliger Raubritter mit Sitz auf der Wasserburg Bockum. Sein bevorzugtes Revier war die Lüneburger Heide - besonders der dichte Forst um Amelinghausen, die "Raubkammer". Über Jahre hinweg konnte ihm niemand das Handwerk legen.  Wer seinen Spuren folgte wurde genarrt, denn er beschlug die Hufe seiner Pferde verkehrt herum. Wiedermal hat er mit seinen Männern einen Treck Lübecker Geschäftsleute (Pfeffersäcke) überfallen und ausgeraubt. Den am besten Gekleideten nahm er als Geisel mit in seine Burg. Nach einiger Zeit vermisste man die Geisel in der Heimat, und sein Bruder machte sich auf, ihn zu suchen. Da dieser vom Treiben des Raubritters gehört hatte, wandte er eine List an. Er stellte einen großen Wagenzug mit hohen Planen zusammen, doch statt Truhen und Fässern mit wertvollen Gütern befanden sich unter den Planen viele bewaffnete Knechte.

Tatsächlich wurde der Zug im Amelinghausener Forst von Zahrenhusen angegriffen. Die Lübecker Knechte warfen sich auf die Angreifer und einer - der lange Dierk von Gellersen - erhob sich und schoss mit seiner Donnerbüchse auf Zahrenhusen. Da aber das Kugelpflaster in seiner Flinte fehlte, mit dessen Hilfe die Treibladung abgedichtet wird, kam kein Schuss heraus. Geistesgegenwärtig nahm er eine Speckschwarte aus seinem Proviantbeutel, stopfte sie zu der Ladung und schoss - diesmal erfolgreich.

Seitdem sagt man, der letzte Raubritter sei von einer Speckschwarte getötet worden.


Hexenprozess in Amelinghausen

Im Jahre 1611: die Amelinghausener Schwestern Anneke und Barbara Stehr befinden sich im Verlies im Winsener Schloss. Nacheinander werden sie zum Verhör geschleppt - erst Anneke, dann Barbara. Die Anklage lautet auf HEXEREI.

Wochen zuvor in Amelinghausen: In der Küche eines Bauernhauses tuschelt das versammelte Jungvolk. Die große Sau des Bauern Ripke Lüders liegt schon den ganzen Nachmittag auf dem Rücken und schlägt wie von Sinnen mit allen Vieren um sich. "Das hat die Barbara meinem Schwein angetan, dass es wie toll war." Gegen Bezahlung habe sie das Schwein besprochen, worauf das Tier wieder auf die Beine kam, gab der Bauer später beim Vogt zu Protokoll.

Das wirre Schwein ist nur eine der Seltsamkeiten, die die Menschen der Vogtei umtreibt, seitdem die Schwestern Stehr aus Embsen hierher gezogen sind. Michael Otten von Tadensen etwa berichtet von seinem Kind, das sieben Wochen krank darniederlag, bis Barbara Stehr ihm Hilfe anbot, dafür Getreide, Speck und Honig kassierte. Eine Besserung trat allerdings erst ein als er Barbara Stehr drohte, sie möge ihren Teil der Vereinbarung einhalten. Dann sei es dem Kind auf einmal besser gegangen. Auch Barbaras Schwester gerät unter Verdacht, sie soll mit dem Tod eines Ochsen in Verbindung stehen. Das und noch andere schlimme Dinge bezeugten die Amelinghausener vor dem Vogt. Für sie ein klarer Fall von Hexerei.

Im Winsener Schloss hat der Amtmann Karstedt zu Winsen neun Fragen vorbereitet. Er blickt der einst stolzen Barbara Stehr ins Antlitz. Sie bekennt, bei gesprochen, etwa auch Lüders Schwein gesegnet zu haben. Den Richtern aber reicht das nicht. Sie wird "wegen ihrer beargwohnten Zauberei gütlich befragt und hat nicht geständig sein wollen, dass sie eine Zaubersche wäre". Im Dämmerlicht schleppt der Henker die wimmernde Stehr in die Folterkammer, gefolgt von einem Schreiber, dem Amtmann und dem Foltermeister. Sie wird auf der Folterbank gefesselt, für die "peinliche Befragung". Unter der tagelangen Tortur gesteht Barbara alles, was der Amtmann hören will, 37 Schuldeingeständnisse legt sie ab.

Ein Bote bringt das Protokoll der Vernehmung nach Amelinghausen. Dort bestätigen Zeugen in Anwesenheit des Vogtes die Aussagen. Der Richter spricht das Todesurteil. Am folgenden Tage, am 12. Februar 1611, wird Barbara Stehr auf einem Karren zur Stadt hinausgefahren. Schneeflocken rieseln vom Himmel - und Asche. Ein Scheiterhaufen steht bereit.


Bäcker erschlägt 22 Mann

Welfen und Askanier befinden sich 1371 seit Längerem in einem Erbfolgekrieg. Die Stadt Lüneburg hat sich den Askaniern zugewandt, was dem Landesherrn Herzog Magnus von Braunschweig-Lüneburg missfällt. Dieser handelt mit den Askaniern einen Waffenstillstand aus und versammelt seine Streitkräfte (700 Mann) am Kalkberg um Lüneburg zurück zu erobern. Die Bürger der Stadt misstrauen dem 'Frieden' - sie sind gewappnet und treten den Soldaten vehement entgegen, werden aber langsam durch die Straßen zurückgedrängt, bis zum Marktplatz.

Der Stadthauptmann Ullrich von der Weißenburg gibt vor, einen Waffenstillstand aushandeln zu wollen um die Stadtübergabe vorzubereiten und öffnet den städtischen Weinkeller. Derweil versammelt er das Bürgerheer am Sande und führt es am Markt zum Angriff wobei er als einer der ersten fällt.

Verbissen kämpfen die Lüneburger, drängen die 'Herzöglichen' durch die Bäckerstraße, wo ihnen ein Bäcker mit seiner Brotschaufel aufwartet. Entschlossen schlägt er zu - einen nach dem anderen macht er unschädlich - insgesamt 22 Gegner. Die Braunschweiger fliehen Richtung Sülztor, werden aber von bewaffneten Bürgern aufgebracht und geben sich schließlich geschlagen. Der Bäcker wird in der St. Ursulanacht (21.12.) zum Helden des Lüneburger Bürgertums.


Das Gold der Heide

Es geht die Mär, dass ein großer Goldschatz vergraben läge in unmittelbarer Nähe des Zusammenflusses von Lopau und Luhe, bei dem Ort Oldendorf. Ein jeder Mann habe einmal im Leben die Chance ihn auszugraben - in einer klaren Vollmondnacht. Auf dem Weg dorthin und während des Grabens dürfe niemand einen Laut von sich geben.

So machte sich ein Bauer mit seinem Knecht auf den Weg um sein Glück zu suchen. Sie führen einen Ochsenkarren, beladen mit allerlei Werkzeug, mit sich. Kurz vor Mitternacht gelangen sie an eine Stelle, wo der Mond am hellsten scheint, wenige Schritte entfernt von der Mündung. Der Bauer gibt das Zeichen zum Halten und markiert mit einem Fuß ein Kreuz auf dem Waldboden. Der Knecht lädt Schaufeln und Hacken vom Karren, die Männer beginnen zu graben. Es ist eine sehr mühsame Arbeit, aber keiner lässt ein Keuchen oder Stöhnen hören trotz der Erschöpfung. Als sie schon mannstief gegraben haben - mittlerweile dringt Wasser von unten in die Grube ein - schlägt der Bauer auf etwas metallisches. Mit den Händen wühlen sie im Schlamm und bekommen einen eisernen Kessel zu fassen, bis zum Rand mit Gold gefüllt, so viel, dass sie ihn nicht anheben können. Schnell holt der Knecht die dicken Ketten, die sie um den Kessel schlingen und an den Ochsen binden. Sie treiben den Ochsen an, aber der ist müde und bewegt sich kaum. Die Männer ziehen ihn, sie schlagen ihn -langsam geht er voran - der Kessel ist schon am Grubenrand sichtbar, als der Ochse wieder stehen bleibt. Der Bauer drischt mit aller Kraft auf das Tier, der Knecht zieht und brüllt: "Hüh". Da zerbersten die Kettenglieder und unter einem höllischen Grollen und Tosen gleitet das Gold hinab in die Tiefe, verschwindet in der Dunkelheit. Das Schweigen wurde gebrochen!

Noch heute, wenn der Vollmond scheint, kann man um Mitternacht das Gold des Schatzes glitzern sehen, dort wo Lopau und Luhe zusammenfließen.


Die Widergängerin von Radegast

Zusammengesunken sitzt der Fischer auf einem Holzschemel vor dem Ofen. Kalter Nordwind pfeift um das Haus, bleiern hängt die Wolkendecke über Radegast. Tiefes Stöhnen lässt den alten Mann hoch schrecken. Seine Frau. An Erntedank bekam sie plötzlich Fieber, Beulen an Hals und Armen. Zwei Wochen später begannen die Geschwüre zu eitern, genau wie bei den vielen anderen im Dorf. Die Pest hat das 32-Seelen-Dorf an der Elbe heimgesucht - 20 Jahre nach dem Ende von Not und Elend des 30-jährigen Krieges.

Der Fischer hat sich aufgerafft, hockt verzweifelt neben seiner Frau auf der Bettkante. Gerade will er aufstehen und ihr eine Brühe holen, als die knochigen Finger seine Hand umklammern. "Es ist das Weib, auf dem Friedhof", haucht die ausgemergelte Gestalt. "Es ist das Weib." Der Griff um des Fischers Arm wird fester. "Es liegt im Grab und frisst." Der Fischer wird blass. Seine Hände beginnen zu zittern. "Was Frau", fragt er. "Was frisst das Weib?" Schmerzschübe schütteln seine Frau, doch zwischen dem Stöhnen ist ein Wort deutlich zu erkennen. "Leichentuch."

Der Fischer steht auf. Tonnenschwer liegt die Last auf seinen Schultern. Seufzend geht er in die Stube, weckt seinen Sohn. "Wir müssen auf den Friedhof." Minuten später waten zwei dunkle Gestalten durch den Regen, die Dorfstraße entlang zum Friedhof. Die Erde auf dem Grab der Totengräber-Witwe ist noch frisch, als sie anfangen zu graben.

Nach einer Stunde ist der dunkle Holzsarg freigelegt. Mit angehaltenem Atem horcht der Fischer ins offene Grab. Stille. Er horcht erneut. Nichts. Gerade will er aufatmen, da dringt etwas aus dem Erdloch. Erst leise. Dann lauter. Ein dumpfes Schmatzen. "Die Nachzehrerin", flüstert der Fischer. Mit zitternder Hand greift er zur Axt. "Sie ist es. Die Ursache. Schuld an allem Übel." Mühevoll holt er aus. Beim dritten Schlag erst gibt das Eichenholz unter der Klinge der Axt ächzend nach. Staubwolken steigen aus dem Grab und verhüllen ihm die Sicht.

Plötzlich dreht der Wind. Fegt Dreck und Staub beiseite. Dem Fischer stockt der Atem. Aus leblosen Augen blickt ihm des Totengräbers Weib entgegen. Das weiße Leichentuch noch zwischen ihren blutleeren Lippen. Den Fischer und seinen Sohn packt Panik. Sie lassen Axt und Spaten fallen. Rennen atemlos durch den Regen.

Als sie nach Hause kommen, ist des Fischers Frau tot. Schuld ist die Nachzehrerin - so erzählen es sich fortan die Radegaster. Nur der gottesfürchtige Pastor Arends hat Zweifel - die Geschichte lässt ihn nicht mehr los. Er tauscht den Ort an der Elbe mit der Pfarrstelle in Embsen. Dort hält er seine Version der Vorfälle fest, schreibt in sein Jahresbuch 1668: "Es trug sich einstens zu, daß Gott diesen Ort mit einer grausamen Pestilenz heimsucht, welches der meiste Haufe, dass es eine Strafe von Gott sei nicht glauben wollten, sondern sagten ... ein verstorbenes Weib läge im Grabe und fräße, das wäre die Ursach."


Quelle: Landeszeitung Lüneburg: Teile der Serie "Sagenhaft" - 2008

von Anna Sprockhoff und Dennis Thomas


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