Der Visculenhof


Der Visculenhof vor der Sanierung
Der Visculenhof vor der Sanierung

Am westlichen Ufer der Ilmenau, kurz vor der Hafenausfahrt siedelte sich 1291 die Kaufmannsfamilie Viscule an. Ein idealer Platz wie sich später herausstellen sollte. Die Visculen waren schon damals bekannt für ihre Geschäftstüchtigkeit und ihr Verhandlungsgeschick. Ihre Gastfreundschaft gegenüber ihren Handelspartnern war legendär aber nicht uneigennützig. Ursprünglich war diese Patrizierfamilie mit dem Fischhandel zu Wohlstand gekommen, im Familienwappen sind drei Fische abgebildet. Möglicherweise ist der Name abgeleitet von "Fischkuhle" einer nahen Vertiefung in der Ilmenau, wo sich im Frühjahr massenhaft die Stinte tummelten.

Sie gründeten an ihrem neuen Wohnort ein Handels- und Lagerhaus, den Visculenhof. Gehandelt wurde mittlerweile mit allem was sich lohnte, vor Allem mit Gütern des täglichen Bedarfs. Besonders der Salzhandel weitete die Beziehungen immer weiter aus, sodass die Visculen auch ein eigenes Transportunternehmen zu Lande und zu Wasser unterhielt. Schließlich lag der Standort direkt am Hafen und hatte eine eigene Anlegestelle. Für die wachsende Zahl der Arbeiter baute man Unterkünfte auf der Rückseite des Haupthauses, ebenso entstanden dort weitere Lagerhäuser und Stallungen für die Pferde.

Das Haupthaus an der Ecke zur Baumstraße hatte eine prächtige Fassade mit Bogenfenstern und Türmchen. Ein auf einem Kupferstich von Braun / Hogenberg aus dem Jahre 1580 zu sehender Turm diente wahrscheinlich als hauseigene Kapelle und soll sogar Glocken gehabt haben. Um 1800 existierte der Turm noch und war durch einen hölzernen Übergang  mit dem Haupthaus verbunden. Insgesamt war ein Komplex entstanden der laut Hermann Löns „ein Labyrinth von Höfen und Gängen mit engen Türen und alten Galerien und Treppen bildet, das uns ein Bild davon gibt, wie im 16. Jahrhundert eines großen Handelsherren Haus und Hof beschaffen waren“. In dem Roman "Der Sülfmeister" von Julius Wolf (1883) kann man eine ungefähre Vorstellung erfahren, wie turbulent das Leben damals im Visculenhof war.

Gedenken an Hinrik Viscule in der St. Micolaikirche
Gedenken an Hinrik Viscule in der St. Micolaikirche

Im Laufe der Generationen hatte sich ein Handelsimperium entwickelt, dessen Verbindungen bis in die meisten Küstenländer der Nord- und Ostsee reichten. Auch einige Mittelmeerländer und der Orient pflegten Handelsbeziehungen mit den Visculen. Auf diese Weise kamen Waren nach Lüneburg, die man vorher noch nie gesehen hatte.

Die Familie Viscule war weit über die Grenzen der Stadt bekannt, natürlich waren sie über Generationen im Lüneburger Rat vertreten. Zur Zeit der St. Ursula Nacht, in der etwa 700 Braunschweiger Ritter 1371 Lüneburg unter die Kontrolle des Herzogs zwingen wollten, war Hinrik Viscule Bürgermeister von Lüneburg. Er starb in dieser Schlacht. Ihm wurde ein Denkmal gesetzt, welches heute zur Hälfte in der St. Nicolaikirche hängt. Die andere Hälfte befindet sich in St. Johannis

 

Vermutlich jahrelange Misswirtschaft, Leben auf zu großem Fuß oder andere Gründe führten 1485 zum Konkurs des Handelshofes. Der legendäre Reichtum der Visculen endete und mit ihm auch der Ruhm. Der Visculenhof kam ins Eigentum der Stadt und wurde zum größten Salzspeicher Lüneburgs umfunktioniert. Etwa 1935 brannte das Hauptgebäude bis auf die Außenmauern nieder. Zwar baute man es wieder auf, ließ die Gesindehäuser jedoch verfallen und später abreißen. Große Teile des Gebäudekomplexes fielen 1959 erneut den Flammen zum Opfer (durch den "Feuerteufel von Lüneburg"). 

 

Seit einigen Jahren wird die Renovierung des historischen Wasserviertels bezuschusst, deshalb ist es möglich auch den Visculenhof zu sanieren bzw. zu ergänzen. Das geschieht nach alten Vorlagen und ist schon weit fortgeschritten (Ende 2016). Auch einen Turm wird es wieder geben.